Kirmesspiel 09

 Die Zukunft: Kirche digital

A Sag mal, was sitzt ihr denn noch vor so einer alten Kiste. Wir wollen doch auf’s Dorffest!

B Kirmes heißt das bei uns seit vierhundertzwei Jahren!

A Schon gut, kommt endlich. In diesem Jahr gibt es eine vollklimatisierte Spielhölle mit den neuesten Flugsimulatoren und den neuesten Spielen. Wenn Ihr noch länger hier rumtrödelt finden wir wieder keinen  Platz.

B Ich sagte doch schon, wir haben Kirmes – Kirchweihe – und das ist ein Fest, das mit Kirche zu tun hat.

C Wir müssen erst in die Kirche gehen. Sei jetzt mal leise, wir müssen uns konzentrieren.

B Wenn der Pfarrer wenigstens nur seine Kirche hielte, die Fragen zum Brauchtum vor hundert Jahren nerven.

A (liest vor) Es sind noch drei Minuten bis zum Gottesdienst.
Beantworte bitte die Frage: Was war ein Platzmeister ? A) einer, der die Reparatur des Festplatzes beherrscht B) Der Verantwortliche für Umzug und Tanz  C) derjenige, der im Festzelt die Luftballons zum platzen bringt D) der Jugendliche der es immer am meisten „platzen ließ“, das heißt am meisten trank.

B Woher soll man so etwas wissen. Männle (Spitzname eines sehr bekannten Kirmesburschen), mein Urgroßvater, hat kurz bevor er starb mal so etwas erzählt.

C Jetzt haben wir wieder einen Minuspunkt!

B Ist doch nicht so schlimm! Das war doch noch vor dem Gottesdienst.

A Passt auf, da kommt schon wieder so eine Frage: Wollen Sie das Eingangsstück von der Blaskapelle, vom Organisten oder von einem original japanischen Flötenquartett hören?

C Komm mach mal die Blaskapelle drauf, mal sehen wie die spielen!

B Jetzt geht die Kirmesgesellschaft in die Kirche.

A Gut animiert.

B Jetzt weiss ich’s wieder, das hat mit mein Urgroßvater Männle erzählt, dass er dank einer alten Aufnahme jetzt jedes Jahr als erster in die Kirche kommt. Das ist er! Da lief er noch ganz aufrecht!
So sah ein Platzmeister aus!

A Kommt, jetzt reicht es aber. Wir gehen!

B Von wegen. Du kennst unseren nerrschen Online – Pfarrer nicht. Wenn wir die eingestreuten Testfragen nicht beantworten, dann müssen wir einige Stunden extra nachholen. Und zuletzt stimmt die Kohle zur Konfirmation nicht.

C Außerdem müssen wir nachher die wichtigsten Predigtgedanken zusammenfassen.

A Bei uns in der Stadt gibt es so was nicht. ……. Wartet mal, wo ist denn eigentlich eure Kirche?

B Eine kurze Tastenkombination und ich zeige sie dir ganz schnell…
Hier sind die Bilder. Dort die Orgel – ein wertvolles Stück. Alles aus dem 17 und 19. Jahrhundert.

A Ich meine, wo ist denn eure Kirche. Ich habe noch nie eine gesehen.

C Das muss dich nicht wundern. Sie war zu teuer in der Erhaltung und am Sonntag kamen manchmal zu wenige Leute. Da hat man sie gescannt und dann abgerissen, weil sie ja virtuell ohne Schaden weiterlebt. Und preiswert.

A Und wo ist euer Pfarrer?

B Kann sein, dass er mit dem Laptop im Bett sitzt und die Befehle schreibt.

C Siehst du, jetzt macht er eine Zwischenmeldung: Zum Kirmesgottesdienstdienst sind 98% Konfirmanden, 95% der Kirmesgesellschaft und 28 % der älteren Leute online. Nicht schlecht.

D Kommt endlich zum Kaffeetrinken! Ich habe alles fertig. Der Vater sitzt auch schon da!

B Mutter, du weißt doch, dass wir noch nicht können. Die letzten Fragen müssen erst beantwortet sein.

D Dann schreibt aber dem Pfarrer wenigstens einen schönen Gruß von uns Eltern. Das hat er immer so gerne.

B Muss das sein?

D Er muss ja nicht wissen, was ich heute alles noch erledigen muss.  Hatten es die Leute früher gut, als sie noch richtig zur Kirche gehen konnten. Die hatten ja noch richtig Zeit zum Weggehen!