Kirmesspiel 21

Kirmesspiel 2015 Seligenthal

 

Mädchen 1: Ich muss dir etwas erzählen: Im Unterdorf sind doch jetzt Leute zu Hause, die aus Schmalkalden hergezogen sind. Stell dir vor, die lassen sich jetzt scheiden

Mädchen 2: Von denen habe ich auch schon gehört. Aber das hätte nicht gedacht. Die müssen doch schon bald goldene Hochzeit haben? Das sind doch ältere Leute. Aber heutzutage geht ja nicht mehr seinen normalen Gang.

Mädchen 1: Um ehrlich zu sein. Wenn das so ein alter Schwätzer ist, wäre ich schon lange nicht mehr mit ihm zusammen. Was so einer den ganzen Tag erzählt, das geht auf keine Kuhhaut. Ich hab gestern Nachmittag erst eine Sendung im Fernsehen von so einer Assi-Familie gesehen. Er war ständig betrunken, hat seine Frau und Kinder angeschrien. Du hättest mal hören sollen, wie die geredet haben. Sie mussten immer einen Piepton drübermachen, damit man die wilden Sachen nicht verstanden hat. Und das ging stundenlang so, ohne Ende. Ich hätte mich da schon längst scheiden lassen.

Mädchen 2: Da wird es bei denen unten in der Gothaer Straße auch nicht anders zugehen. Die wollen sich sicher seit Jahren scheiden lassen, schaffen es aber nicht. Ich würde mir das Leben nehmen. Ich glaube ich habe das auch gesehen.

Mädchen 1: Und so einer erzählt über seine Nachbarn immer so viele Gemeinheiten, dass keiner wieder mit ihm zu tun haben will.

Mädchen 3: Und das alles hier in Seligenthal. Unglaublich wie sich die Zeiten ändern.
Das sind dann auch die Leute, die die Seligenthäler schlecht machen. Wir Seligenthäler wären viel schlimmer als die Leute in der Stadt. Wir würden über alles schwatzen und niemals Ruhe geben. Wir wären alles totale Dickschädel und gehen nicht aufeinander zu.
Und wenn mal was los ist, gehen wir nicht hin.

Mädchen 1: Na ja, das letzte könnte ja durchaus etwas zutreffen

Mädchen 3: Quatsch. Die trinken zu viel und wissen dann nicht mehr, was die reden. Dann sollen sie doch lieber wegziehen zu ihren geliebten Städtern.

Mädchen 2: Die Städter sind froh, wenn sie solche Leute los sind. Die schicken sie postwendend wieder zu uns zurück. Wir sollen dann mit ihnen fertig werden.

Mädchen 3: Weißt du, jetzt wird mir was klar. Neulich waren Städter bei einer Geburtstagsfeier bei der Frieda. Obwohl sie gar nicht richtig verwandt waren, haben beide total zugeschlagen. Er trank einen guten Schnaps nach dem Anderen. Dann hat er nur noch Blödsinn erzählt und ist allen auf den Geist gegangen. Und sie! Stell dir vor, sie hat mindestens zwei Bratwürste, ein Brätel und zwei Hühnerbeine gegessen. Die Frieda hat erzählt, wenn sie das Essen nicht beim Bernd Simon bestellt hätte, wo man immer mehr bekommt als man essen kann, hätte es nicht vorn und hinten gereicht.
Na ja, man muss man sich nicht wundern, wenn solche Leute immer dicker werden, unter Arthrose leiden und unsere Krankenkassen arm machen. Zu Hause haben sie nichts im Kühlschrank und müssen dann sehen, wie sie durchkommen. Sie fressen uns noch die Haare vom Kopf. Bei uns auf dem Dorf hat es so etwas nie gegeben   

Mädchen 2: Und sieh dir doch deren Enkel an. Der ist doch schon total übergewichtig. Ich habe gehört, der soll in Schmalkalden auf die Schule gehen und dort nur noch Ärger machen. Vielleicht schicken sie ihn dann in Kürze nach Floh auf die Schule zu unseren Kindern, wenn sie nicht mehr mit ihm zurechtkommen. Heutzutage passiert das doch ständig.

Mädchen 1: Nein. Das auch noch. Naja, solche Typen hat es früher nicht gegeben. Die sind eine totale Katastrophe. Und jetzt kommen die noch zu uns auf’s Dorf. Wir bekommen alles ab und sollen alles richten, womit die ansonsten nicht zurande kommen. Oh, da kommt doch der Willi. Das ist aber schön, den mal wieder zu sehen.   

Junge: Hallo, hab ich euch lange nicht gesehen.

Mädchen 2: Da kommt meine Jugendliebe. Das ist aber schön, dass wir uns mal wieder sehen.

Junge: Irgendwie komme ich kaum noch hierher ins Oberdorf. Man fährt höchstens mal ins Norma oder nach Schmalkalden zum Einkaufen. Da trifft man sich nie. Und beim Laufen tun mir die Knie weh. Also laufe ich nicht nach oben sondern nur noch die ebene Strecke nach Reichenbach.

Mädchen 2: Stimmt, wir haben uns fast ein Jahr nicht mehr gesehen, obwohl wir in einem Dorf wohnen.

Mädchen 1: Wir haben das Gefühl, irgendwie müssen wir uns wieder mal schlau machen, was so los ist. Man erfährt doch nichts mehr. In der Zeitung schreiben sie über Steinbach-Hallenberg und über jeden Furz, den sie in der Stadt lassen, aber doch nichts über Seligenthal.

Junge: Und was gibt es Neues?

Mädchen 2: Wir hatten es gerade von dem Städter, der ins Unterdorf gezogen ist. Wohnt der nicht direkt neben dir?

Junge: Ihr meint den Anton?

Mädchen 3: Genau. Anton heißt der. Ach ja. Ich habe vorhin schon gedacht, dass Alfred nicht sein richtiger Name ist.

Junge: Und was ist mit ihm?

Mädchen 2: Ach, Du weiß das ja viel genauer. Stell dir vor, seine Frau will sich scheiden lassen, weil sie es seit Jahren nicht mehr aushält und er ständig betrunken ist. Wie man das nur über Jahre so aushalten kann ist mir ja ein Rätsel.

Mädchen 1: Wenn sie auf Geburtstagsfeiern gehen, fressen sie sich beide durch.
Wahrscheinlich haben die zu Hause selten etwas Gutes zu essen. Und wenn sie über uns reden, lassen sie an den Seligenthälern kein gutes Haar. Die Städter wären da viel toleranter und besser.

Mädchen 3: Und dann als Krönung: Sie haben einen ganz ungehörigen dicken fiesen Enkel zu uns mitgebracht, der wahrscheinlich noch die Floher Schule aufreiben wird. Naja du weißt ja besser Bescheid als wir.  

Junge: Ihr meint wirklich den Anton und seine Frau?

Mädchen 1: Na wen denn sonst? Direkt neben dir.

Junge: Meinen Onkel Anton?

Mädchen 1: Dein Onkel und deine Tante? … Naja, das konnten wir ja nicht wissen.

Mädchen 2: Und warum hast du sie hergeholt? Warum hast du sie nicht in Schmalkalden gelassen?

Junge: Es sind nette alte Leute. Sie haben keine Verwandten mehr und finden schlecht Anschluss, weil sie sich nicht trauen, auf die Nachbarn zuzugehen. Ich habe schon oft gesagt, dass sie unter die Leute sollen. Sie gehen einfach nicht weg.  

Mädchen 1: Dann müssen wir da was verwechselt haben. Und sie haben keinen Enkel?

Junge: Der Nachbar hat einen Enkel. Das ist ein echter Seligenthäler, der die Klappe nicht halten kann.

Mädchen 3: Und er zwitschert Anton nicht ständig mal einen?

Junge: Um ehrlich zu sein, habe ich ihn noch nie so erlebt. Ich habe sogar mal zu ihm gesagt, er soll mal ein Bier trinken gehen oder mal einen Schnaps.

Mädchen 1: Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir da eine Menge verwechseln.
Wir sind nicht mehr gut informiert.

Mädchen 2: Das ist gar nicht gut. Früher wäre uns das nicht passiert. Das muss sich ändern.

Junge: Ja, das muss sich ändern!

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