Erntedankfest 02

„Kurz nach der Wende“

1. Mann: Na du hast wohl nichts zu tun, daß du so viel Zeit hast, hier zu sitzen.

2. Mann: Na ja. Ich habe schon seit heute Morgen den Garten in Ordnung gebracht. Man kann ja nicht den ganzen Tag im Garten stecken.

1. Mann: Du hast es gut. Bei dir ist die Arbeit gemacht. Bei mir hängen die Bäume noch voll, das Gras wächst und meine Frau liegt mir in den Ohren, ich soll endlich was im Garten machen. Stattdessen hängt man über den Büchern. Manchmal denke ich, ich möchte mal arbeitslos sein.

2. Mann: Du siehst wohl nicht klar?
Ich hab schon alles von hinten bis vorne durch.
Meine Frau sagt, es ist fürchterlich wenn ich so viel in der Stube sitze und nichts mit mir anfangen kann. Da ist ja der Herbst noch ein Glücksfall, wenn es draußen zu tun gibt. Wenn es erst Winter wird…

1. Mann: Am besten du nimmst meine Zwetschgen ab. Da kannst du sie auch gleich noch mitnehmen. Was soll man nur mit dem vielen Obst. Man kann ja alles kaufen.

Frau:  Laß sein. Wir haben dieses Jahr ohne Leiter gepflückt.

1. Mann: Wieso?

Frau:  Wir haben den Baum gefällt. Was will man mit dem vielen Obst machen. Der Konsum nimmt’s ja nicht mehr. Und so viel Rahmkuchen kann man ja in zehn Jahren nicht backen. Wir haben dann unter gepflückt und einen Teil weggeworfen.

2. Mann: Es ist eigentlich schlimm, wenn man’s wegwirft.

1. Mann: Wenn es nur runterfällt, dann ist es das gleiche.

2. Mann: Na ja, das ist es ja. Es lohnt sich schon nicht mehr ein Beet zu bepflanzen. Du kriegst alles das ganze Jahr über im Geschäft und da hast du keine Arbeit.

Frau:  Aber lass sein. Wir hatten in diesem Jahr Kartoffeln und Tomaten. Du glaubst nicht wie die geschmeckt haben. Da können die Kartoffeln von überall her kommen.Die schmecken nicht .
Unsere die riechen so richtig gut, wenn man den Topf aufmacht.
Und unsere Tomaten  – die riechen wie Tomaten und schmecken auch so. Ich hatte schon fast vergessen wie eine normale Tomate schmeckt.Nur sie sehen nicht so gut aus und sie halten sich nicht lange.

2. Mann: Denen fehlt die Chemie. Ich frage mich ja schon lange,was wir eigentlich essen. Früher war die Wurst nach ein paar Tagen schlecht. Jetzt kannst du sie drei Wochen in die Sonne legen, da hat sie sich gerade mal verfärbt. Ich frage mich manchmal , ob das eigentlich noch Fleisch ist, was rein kommt.

Frau: Die Sorgen der Reichen!
Erst haben sie fast alles, aber so richtig zufrieden sind sie nicht . Da habe ich mich immer gewundert bei unserer Verwandtschaft von drüben. Die hatten fast alles , aber zufrieden waren sie nie.

2. Mann: Du hast gut Reden. Wenn man den ganzen Tag zu Hause sitzt, dann kann man nicht zufrieden sein.

Frau: Seid mal ruhig. Guck dir den Friedrich an. Der ist im Vorruhestand, rennt aber mit Diplomatenkoffer und Krawatte rum.

1. Mann: Hallo Friedrich! Du scheinst als Rentner Kariere zu machen. Was hast du denn im Köfferchen.

2. Mann: Sicher einen Lotteriegewinn!

3. Mann: Seid mal ganz ruhig! Ich habe eine neue Arbeit gefunden. Um ein Haar wäre ich reich geworden.

Frau: Hast wohl ein Geschäft aufgemacht!

3. Mann: Nein, wo denkst du hin. Vor längerer Zeit habe ich einmal in einer schlaflosen Nacht dran gedacht, dass meine Großeltern mehrere Äcker hatten. Da habe ich gedacht, vielleicht ist da ganz viel drin. Vielleicht hast du ein tolles Baugelände.

1. Mann: Und jetzt kannst du an einen großen Betrieb verkaufen.

3. Mann: Ja genau so habe ich das geträumt: reich über Nacht! Ein Hotel auf den Berg – und das Grundstück mir.

2. Mann: Wie sieht’s aus?

3. Mann: Zuerst bin ich von Amt zu Amt gelaufen und habe versucht die Dinge zu klären. Selbst dem Pfarrer bin ich schon auf die Nerven gegangen.
Dabei habe ich entdeckt, dass ich ganz viele miterbende Verwandte habe. Dass es so viele sind, hätte ich nicht gedacht.
Dann habe ich ein größeres Stück Wald. Da müsste viel gemacht werden.
Und bei den Wiesen, da habe ich gedacht : Ich verpachte sie.
Jetzt weiß ich dass ich schon froh sein kann, wenn sie jemand bewirtschaftet. Es ist eine Arbeit draus geworden, und kein Verdienst.

2. Mann: Aber siehst du, du hast wenigstens was zu tun!

Frau: Das ist eben das merkwürdige. Es ist heute alles anders.
Du bist froh, wenn du schuften kannst !
Du fühlst dich als Großgrundbesitzer und du musst sehen, wie du es bewirtschaftest!
Du sagst dir mit deinem Verstand, eigentlich geht es uns doch so gut, wir haben fast alles und freuen uns nicht!
Das ist verrückt.

1. Mann: Und dann kommt einer, der in unseren ehemaligen Bruderländern oder in Afrika wohnt und sagt: Ihr habt fast das Schlaraffenland – und er hat auch noch recht!