Pfingsten 2

Hoffnung statt Weltuntergang

 

Pfarrer:  Mein Großvater hat mir eine Geschichte aus seiner Jugend erzählt. Es war 1914 oder 1916. Seine Mutter hatte 6 Kinder großzuziehen. Der Vater war weggegangen, hatte sie allein gelassen mit dem Hof und den Kindern. Die Mutter betrieb mit den Kindern den Hof und wusch, bügelte und stärkte weiße Wäsche, und hielt die große Familie so über Wasser. Damals kamen Prediger in das kleine Dorf, die die Menschen überzeugen wollten, dass die Welt bald untergeht.

Prediger: Hört mir gut zu. Ihr habt alles verkehrt gemacht. Und deswegen wird euch Gottes Zorn treffen. Es dauert nur noch wenige Tage und alles ist zu spät. Jeder sehe, wie er sich retten kann. Ihr seid verloren. Einer wird gerettet, der andere wird verworfen… Es werden zwei am Mühlrad stehen, nur einer wird gerettet. Es werden zwei auf einem Lager liegen, einer wird verworfen. Lasst euch retten…

Kind 1: Mutter, hast du das draußen gehört? Es ist unheimlich. Es geht uns doch schon schlecht genug, seit Vater uns verlassen hat. Und jetzt das noch. Die Hölle hat er gepredigt.

Mutter: Wem sagst du das. Ich muss fast die Nächte durcharbeiten, um eure hungrigen Mäuler zu stopfen. Diese großen Redner, die arbeiten nicht mehr. Aber die Leute hören sie gar zu gerne, wenn sie das Unheil ankündigen. Unser Pfarrer, der versucht den Leuten Mut zu machen, auf den hören sie nicht. Seine Predigten sind nicht spektakulär, nicht so aufregend.

Kind 2: Sagen wir, manchmal sind sie langweilig.

Kind 1:  Und wenn es nun aber doch so kommt, wie sie es sagen? Es wird ganz schlimm kommen.

Mutter: Wenn ich nichts mehr tun würde, würde die Hölle kommen. Lass sein. Ich glaube es nicht.

Kind 2: Aber weißt du, ich habe Angst. Weißt du, was ich schon alles geträumt habe. Ein Glück, dass die Dora mit bei mir im Bett liegt. Da drücke ich mich ganz sehr an sie und dann geht es.

Mutter: Nicht schlecht, es geht ja doch.

Kind 3: Stellt euch mal vor, der Küchlers Fritz hat ganz teures Spielzeug. Er hat sich Reiter und Wagen gekauft. Und die Küchlers Karline hat eine teure Puppe aus der Stadt.

Kind 4: Und sogar ein richtiges Schwert.

Kind 3: Mutter, so etwas möchte ich auch haben. Warum haben wir das nicht?

Mutter: Das verstehe ich nicht. Die haben doch noch weniger als wir und noch nicht einmal eine Kuh im Haus.

Kind 2: Denen geht es jetzt viel besser als uns. Die müssen nicht wie wir Wäsche wegbringen und das Geld bei den Leuten eintreiben.

Mutter: Gut, das du mich daran erinnerst. Der Karl im letzten Haus schuldet mir noch 10 Pfennig und seine Nachbarin auch-für die gestärkten Kragen. Morgen früh – vor der Schule gehst du hin und fragst, ob sie dir das Geld geben können.

Kind 2: Muss das sein. Ich mache das nicht gerne.

Mutter: Und ob. Wovon soll ich etwas kaufen?
Aber sag doch mal, wo haben denn die Küchlers das Geld her?

Kind 5: Na hast du das nicht gehört. Die haben ihren Hof verkauft, weil die Welt untergeht. Fritz‘s Vater hat schon den ganzen Tag eine Welle und da hat er es allen erzählt. Er hat gesagt: Die, die sich Mühe geben sind doch dumm. Es lohnt sich nicht mehr zu arbeiten. Man soll noch einmal alles genießen, weil es keinen Zweck hat, mehr was anzubauen. Wer weiß, ob nicht heute Nacht die Welt untergeht. Und wenn es so ist?

Kind 4: Und das glaubst du? Ich habe Angst…

Mutter:  Marsch, ins Bett! Und das Abendgebet nicht vergessen. Ich habe noch zu tun…

 

 

Mutter: Los Kinder, aus dem Bett! Es ist schon spät. Der Hahn hat schon vor langer Zeit gekräht. Ich habe schon die Kuh gefüttert.

Kind 2: Wir leben ja noch.

Kind 1: Du hast wohl gedacht, dass die Welt wirklich untergeht.

Kind 2: Naja, man weiß doch nicht.

Kind 5: Ich hab‘s mir doch gedacht. Mir hat das gefallen, dass du dich so an mich gedrückt hast, weil du Angst hattest.

Kind 2: Jetzt muss ich vor der Schule doch noch die Schulden eintreiben. Und dann nach der Schule wieder die Kuh hüten.

Kind 3: Und ich muss Kartoffeln kochen und stampfen für die Vördersau und dann noch aufs Feld!

Kind 4: Und ich hab auch keine Zeit zum Spielen.

Mutter: Aber jetzt sagt mal, es ist doch auch nicht schlecht, dass wir leben? Die Sonne scheint und Gott schenkt uns einen neuen Tag.

Kind 4: Aber Küchlers Fritz hat Spielzeug, und wir nicht.

Mutter: Das habe ich gestern Abend auch erfahren. Es stimmt. Aber er hat bald kein zu Hause mehr, weil die Welt nun doch nicht untergegangen ist und das Haus verkauft ist.