Kirmesspiel 17

Kirmesgeschichte 2009

 

Lea: Kennst du den noch? Den habe ich ewig nicht mehr gesehen.

Natalie. Der ist doch sicher schon 15 Jahre weg. Wenn er nicht die blonden Haare hätte, dann hätte ich ihn gar nicht erkannt. Wir hieß er gleich?

Lea: Klaus, nein, Kevin, nein, … Mann, ich kenne ihn doch…

Natalie: Ist das nicht der, der vor fünf Jahren so gebratscht hat, was er alles hat. Stimmt, da ist er mir gewaltig auf den Senkel gegangen: Zwei Eigentumswohnungen, einen 7-er BMW, jede Woche Party, und alle drei Tage in einer anderen Stadt auf der Welt. Wahrscheinlich ist er mit seinem Hubschrauber gekommen.

Kaffee: Richtig, er hat’s geschafft. Weg aus unserem Nest und die Welt hat auf ihn  gewartet.

Markus: Wenn ich nur den Namen wüsste, er hat ihn so nobel ausgesprochen, gar nicht mehr wie ein Schnälicher.

Kaffee: Warte mal, nicht mal mehr auf seinen Spitznamen komme ich. War der nicht strotzehohl, und hat‘s große Geld gemacht.

Natalie: Trotzdem. Weißt du, ich hätte auch weggehen sollen. Weißt du noch wie viele Leute aus meinem Jahrgang hier sind? Ich habe mir gesagt, ich bleibe bei den Eltern. Irgendjemand muss doch hier bleiben. Heute zur Kirmes sind sie alle wieder mal da, aber sonst in der Woche ist kein Mensch mehr hier. In ganz Seligenthal ist keiner mehr, der ungefähr in meinem Alter ist. Mit meiner Freundin telefoniere ich mal, aber zum Weggehen muss ich schon Arbeitskollegen fragen.

Markus: Dafür bezahlst du zu Hause nicht so viel, keine Miete. Ist doch auch nicht schlecht.

Natalie: Du hast eine Ahnung: In meinem Beruf konnte ich lange Zeit nicht arbeiten. Gelegenheitsjobs, erst seit einem halben Jahr habe ich wieder etwas akzeptables, mal sehen, wie lange das bleibt.

Daniel: Ach da, Euch habe ich ja lange nicht gesehen. Kann ich mich zu euch setzen? Man kennt ja kaum noch jemanden. Ihr habt es gut. Ihr seid zu Hause geblieben. Wisst ihr noch, wie wir früher hier unterwegs waren? Auf der Kirmes haben sie mich mehrmals rausgeschmissen und ich bin immer wieder hinten reingekommen. Naja, ist lange her.

Natalie: Komm singe hier nicht das Klagelied. Du hast doch dein Ding gemacht und die Welt gesehen. Jetzt tu nicht so, als hättest du hier etwas verpasst.

Daniel: Gesehen habe ich viel. Fast die ganze Welt.

Lea: Und bist du mit deinem Hubschrauber hier?

Daniel: Mann, ich fliege immer gerne. Und bin auch gerade erst geflogen.

Kaffee: Bei deiner Frau rausgeflogen?

Daniel: Woher weißt du das? Hat sich das schon wieder bis nach Hause rumgesprochen? Das ist das Dorf, irgendwie kriegen die alles mit.

Kaffee: Nein, war ein glatter Glückstreffer, es kann ja auch mal sein, dass Dinge nicht so gut ausgehen. Beim letzten Mal hast du doch läwese gebratscht. Von deiner Frau, den Kindern und so.

Daniel: Naja, ganz so prall war es ja auch nicht. Schließlich ist sie damals schon nicht mit hierher gefahren. Ich hatte die Nase voll und wollte mal unter die alten Bekannten.

Kaffee: Wahrscheinlich hat es dir gutgetan herzukommen. Aber hier wird noch aufgepasst, wenn etwas passiert. Hier hat man noch die Augen überall. Worüber sollten wir uns sonst unterhalten, wenn ihr nicht ständig solche Sachen anstellt? Deswegen gehen die beiden zur Kirmes, damit sie endlich wieder was Neues erfahren. Wenn man selbst nichts erlebt, muss man bei den anderen was finden, worüber man quatschen kann.

Lea: Du bist ein Quatschkopf.

Natalie: All Käurombel.

Daniel: Und was ist bei euch so los? Jetzt erzählt erst mal von euch. Was machst du denn?

Natalie: Was soll schon sein. Bei uns ist noch alles so wie es immer ist. In Seligenthal verändert sich doch nichts.

Kaffee: Wir wollen erst mal wissen, wie es dir geht. Was machen dein superschnelles Auto, deine zwei Eigentumswohnungen und deine Chefstelle bei… was war das noch mal?

Daniel: Chefstelle, ha, Vertreter von Schießer – Unterwäsche und so – das war‘s.

Kaffee: Schießer, Schießer, meine gerippten Unterhemden. War der nicht auch pleite?

Daniel: Mann, Ihr seid aber auch hartnäckig. Klar. Muss ich euch das alles erzählen?

Natalie: Ehrlich, es tut mir gut, wenn ich höre, dass es bei dir auch nicht alles glatt geht. Ich dachte immer die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln. Wenn ich sehe, dass es bei den anderen glatt geht und sie die tolle Karriere hinlegen, dann kriege ich die Krise. Dann ärgere ich mich, dass ich mich von einem zum anderen durch hangeln muss. Manchmal denke ich, es geht nur bei mir von einer Katastrophe zur anderen. Wenn ich natürlich sehe, dass du bei Schießer abgeschossen bist, geht es mir schon besser.

Lea: Komm, Du kannst dich doch nicht beklagen. Du hast für Deine Kinder die Großeltern und die nehmen dir alles ab. Du kehrst musst ja noch nicht mal die Straße kehren, weil der Vater sonst nichts zu tun hat.

Kind 1: Mutti, ich brauche noch mal was für die Lose. Ich habe schon alles ausgegeben. Und die …………. hat auch ihr ganzes Geld ausgegeben.

Natalie: Also, jetzt noch einmal 5 € und dann ist aber Schluss. Der Opa hat dir schon viel zu viel gegeben.

Kind 2: Und ich? Nur die …………… kriegt was.

Natalie:  Wo ist denn wieder der Vater? Wenn man ihn braucht, dann ist er nicht da. Könnt ihr mir mal 5 Euro geben, ich gebe sie euch dann zurück.

Daniel: Komm her, heute ist Kirmes (gibt 5 €). Komm lass sein.

Kind 2: Danke

Natalie: Ich gebe es dir nachher wieder.

Kaffee: Da siehst du’s mal wieder: bei den Eltern zu wohnen ist das Beste, was es gibt…

Lea: Wenn sie nicht die Nase in alles reinhängen würden und alles besser wüssten. Du kannst da nicht mitreden.

Daniel: Lass sein, die 5 Euro bringen mich nicht um. Ich hätte gerne meine beiden Kinder hier, aber sie kommen erst nächst Woche.

Lea: Guck doch mal. Da vorne…

Daniel: Mann, ich will jetzt erst mal was anderes wissen. (zu Daniel) Wo hast du deine Millionen jetzt geparkt?

Daniel: Mann, du kannst einem auf den Geist gehen. Zurzeit muss ich erst mal sehen, dass ich eine neue Arbeit finde und um ehrlich zu sein, alles wollte ich Dir nicht erzählen.

Lea: Guckt doch mal, da vorne…

Daniel: Was ist denn da?

Lea: Na seht ihr das nicht. Der Franz… guckt mal, wen er dabei hat und wie er sie im Arm hat. (zu Daniel) Los komm, Fremder, wir gehen jetzt erst mal tanzen, um da etwas näher ranzukommen. Gut dass du da bist. Die anderen trauen sich doch sowieso nicht zu tanzen.

Kaffee (zu Natalie): Und du behauptest immer, bei uns auf dem Dorf wäre nicht los. Wir tanzen auch!