Erntedankfest 05

„früher und heute“

1. Na wie geht’s? Du schleppst ja viel nach Hause.

2. Du hast recht! Man sollte nie ohne Auto in die Kaufhalle gehen. Ich hatte  noch Zeit und wollte eigentlich nur etwas Butter und ein paar Zwiebeln kaufen. Wenn man drin steht, fällt einem viel mehr ein, was man noch brauchte. Zu guter letzt trägt man sich noch den Buckel krumm.

1. Ihr habt wohl kein Auto zu Hause.

2. Meine Kinder haben ein Auto, aber sie sind ja immer unterwegs. Und immer nur auf sie zu warten macht keinen Spaß.

1. Du weißt ja, wie das jetzt ist. Wir sind Rentner und da ist das Einkaufen zum Freizeitvergnügen geworden.

Wenn meine Frau in der Zeitung liest, es ist irgendwo eine Kaufhalle eröffnet oder es gibt Sonderangebote, dann wird unser Auto gesattelt – und es geht los.

3. Daskann ich leiden. Ich frage mich manchmal, wenn ich in der Stadt bin, ob es noch einem Menschen gibt, der auf die Arbeit geht und gerade nicht einkauft.

Die Straßen sind verstopft und wenn man es eilig hat, dann kommt man nicht vorwärts. Es gibt jetzt doch alles vor der Haustür. Warum müsst ihr denn so weit fahren?

1. Das ist doch schön. Ihr  jüngeren Leute gondelt doch auch in der Weltgeschichte rum! Wir wollen halt auch was erleben!

2. Und wenn du sagst, man kann alles besser vor der Haustür kaufen, dann ist das aber kräftig übertrieben. Ich muss noch nach Hohleborn laufen – und da gibt’s keinen Laden mehr.

3. Na ja. Das habe ich ja so nicht gemeint.

2. Wartet nur mal ab. Werdet erst mal älter.

3. Was hast du denn da gekauft? Äpfel?

2. Na ja, das ist eben dieses Jahr. Die Bäume hingen voll, aber die Äpfel sind alle voller Würmer. Wie bei den Radieschen sind die Äpfel so richtig mit Gängen durchzogen. Das gab’s früher gar nicht.

1. Bei uns ist das auch so!

2. Ich selber, ich schneide mir ja die paar Äpfel aus. Aber die Enkelin, sie will nur die Äpfel ohne Flecken.

1. Guckt euch mal den da an. Der sieht aus, als wäre er aus einer früheren Zeit.

3. Wahrlich, er sieht aus, als käme er aus der Zeit vor hundert Jahren.

4. Ich habe gehört, bei euch ist in diesen Tagen Erntedankfest. Da wollte ich doch mal sehen, wie es meinen Urururenkeln so geht.

1. Ach du Schreck. Da hab ich ja noch gar nicht dran gedacht. Sonst hatte ich immer eine Stiege Äpfel zurecht gemacht und etwas Gemüse. Man denkt dar nicht mehr do dran. Es ist eben alles anders.

4. Wo wachsen denn bei Euch solche Äpfel? Die sind ja tadellos. Ich könnte mich kaum entsinnen, dass sie zu unserer Zeit mal so großartig gewachsen wären. Wie kriegt ihr das hin?

2. Das weiß ich auch nicht.

4. Wieso?

1. Na ja. Die sind nicht bei uns gewachsen. Die kauft man im Laden.

4. Warum ? Habt ihr keine Bäume mehr?

3. Doch, doch. In diesem Jahr hatten wir keine gute Apfelernte. Sie waren voller Würmer und man konnte sie nicht essen.

4. Dann konntet ihr aber viel Most und Apfelwein machen. das ist doch nicht schlecht!

2. Das lohnt sich doch gar nicht. Im Laden bekomme ich den Saft so billig. Da brauche ich mich gar nicht mehr hinzustellen und mir die Arbeit zu machen. Hier mit dem Pudding, dem Kloßteig, dem Kuchen ist’s ganz genauso.

4. Und die Kartoffeln?

1. Ja wie waren die Kartoffeln eigentlich in diesem Jahr?

Ich weiß es gar nicht genau.

4. Habt ihr die Keller voll?

2. Ja  – eigentlich nein . Es gibt genug. ich weiß nicht mal wo sie her sind. Vielleicht sind sie ja sogar aus dem Ausland.

3. Wir legen gar keine mehr hin. Die kriegt man doch immer zu kaufen!

4. Da wisst ihr ja gar nicht, ob es eine gute oder schlechte Ernte war. Das verstehe ich wirklich nicht. Wenn es bei uns einmal so viel geregnet hat, wie bei euch in diesem Jahr, dann  hat man es schon deutlich gespürt.

3. Ihr habt wohl dann gehungert?

4. Nicht so direkt. Aber man musste sich schon einschränken. Die Mutter hat uns jedenfalls gelernt dankbar zu sein, wenn wir genug Brot im Hause hatten.

1. So kenne ich’s aus meiner Jugend ja auch noch.  Da hat die Mutter das Brot erst gestreichelt, wenn es aus dem Ofen kam  – und ein Kreuzeszeichen über dem Brot gemacht.

4. Unser Lehrer hat uns in einem schlechten Jahr lernen lassen: “Alle meine Sorge ist verschwunden, die ich in dem schwachen Herzen trug. Ach der gute Vater in dem Himmel gab uns Kindern wieder Brot genug.” In dem Jahr hatten wir wirklich Sorge, es gibt zu wenig zu essen.

1. Ich mache mir über alles mögliche Sorgen. Aber Sorgen, ob man genug zu Essen hat, die kennt hier keiner mehr.

2. Da hast du recht: Wahrscheinlich wissen wir gar nicht, wie gut es uns geht. Und die Dankbarkeit  vergisst man auch.